Der „Mythos Kastration“

Der „Mythos Kastration“

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Zunächst ist bei diesem sehr umfangreichen aber zugleich spannenden und heiß diskutiertem Thema anzumerken dass – mit Ausnahme eines medizinischen Problems – kein pauschaler Grund für eine Kastration bei Rüde oder Hündin gelten darf!
Als richtigen Zeitpunkt einer Kastration kann bei der Hündin ein Zeitraum frühestens nach eineinhalb bis zwei Jahren, frühestens jedoch nach der ersten Läufigkeit, und beim Rüden ein Zeitraum nach dem zweiten Lebensjahr angesehen werden!
Die Frage „Wann ist ein Hund erwachsen?“ kann bei der Hündin mit frühestens nach der dritten Läufigkeit und bei Rüden mit frühestens nach dem zweiten Lebensjahr beantwortet werden.
Zum Erwachsen werden gehört ein stabiles Hormon- und Gehirnsystem genauso dazu wie die ausgereifte Persönlichkeit des Hundes, welche sich eben nach den oben genannten Zeitrahmen aller frühestens entwickelt hat.

Nehmen wir zunächst einmal die gesundheitlichen Risiken einer Kastration unter die Lupe, wobei bei allen Erkrankungen anhand von weitläufigen Studien das Ansteigen dieser gesundheitlichen Risiken bzw. die Wahrscheinlichkeit an einer der folgenden gesundheitlichen Störungen zu erkranken aufgrund der Kastration um das 3-5 fache gestiegen ist!

Gesundheitliche Risiken der Kastration

I.Tumore:
• Mastzelltumor, eine Variante des weißen Hautkrebs.
• Lymphdrüsentumor: Dieser Tumortyp tritt bei kastrierten Hunden beiderlei Geschlechts auf.
• Knochenmarktumor: Die Wahrscheinlichkeit an diesem Tumortyp zu erkranken stieg mit der Kastration auf das 10-fache.
• Herztumor
• Autoimmunerkrankung (Allergien, rheumatische Erkrankungen): Autoimmunerkrankungen sind hier Rasse und Geschlechtsspezifisch.

Erklärung des biochemischen Zusammenhangs:
Bei Stress bzw. gestörter Hormonproduktion durch die Kastration kommt es primär zu einer Schwächung des Immunsystems woraufhin die körpereigene Abwehr die gekränkten Zellen nicht mehr beseitigen kann.
Es folgt eine Reduktion der Immunkompetenz wobei eine Umwandlung von krankhaft entarteten Zellen in Tumorzellen erfolgt.

II.Organische Erkrankungen:
• Demenzrisiko: Das Risiko an Demenz zu erkranken ist bei 8 bis 11 jährigen kastrierten Hunden signifikant erhöht, wobei die Demenz bei größeren Hunderassen wahrscheinlicher auftritt als bei kleineren Hunderassen.

• Schilddrüsenunterfunktion: Das Problem bei der Schilddrüsenunterfunktion ist jenes, dass sich diese Störung bereits im Alter von neun bis zehn Monaten entwickeln kann (Frühkastration) und hier ein Zusammenhang mit Hyperaktivität, Lernschwäche sowie Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen zu nennen ist.
Abhilfe kann hier ein Bluttest bzw. ein Checken der Blutwerte nach 12 Monaten schaffen (Junghundephase).

• Gelenkserkrankungen: Dazu gehören auch Gelenkfehlbildungen sowie die Hüft- und Ellbogendysplasie.
Bei kastrierten Hunden – gerade bei kastrierten Rüden – erhöht sich dabei das Risiko an HD und/oder ED zu erkranken.
Begründung:
Das männliche Sexualhormon Testosteron – welches ich später noch etwas genauer beleuchten werde – ist an der Gelenksbildung bzw. -stabilisation, bei der Ausbildung von Muskulatur und bei der Stabilisation von Muskel- und Bindegewebe (durch dreidimensionale Verknüpfung werden die Muskeln elastisch) maßgeblich beteiligt!
Bei der Hündin ist das Sexualhormon Östrogen für die Dehnung bzw. der straffen Haltbarkeit der Bänder, Sehnen und Gelenke verantwortlich. Durch die Kastration (und somit das Wegfallen des Großteils des Testosterons) bilden sich Muskeln und Bindegewebe zurück, die Elastizität wird durch das Einbrechen der dreidimensionalen Verbindungen geschwächt und es kommt mangels Stabilität zur Anfälligkeit für die Hüft- und Ellbogendysplasie.

• Bänderrisse: Hier sind explizit der Kreuzbandriss und die Bänder des Kniegelenks gemeint, welcher bei kastrierten Rüden 3-4 mal häufiger auftritt als bei nicht kastrierten, also intakten Rüden (Grund: das 3-dimensionale, elastische Bindegewebe verliert an Elastizität).
Bei kastrierten Hündinnen dagegen tritt ein Kreuzbandriss meist rund um die Läufigkeit auf, was mit der Wassereinlagerung in das Bindegewebe durch überschüssiges Testosteron aus der Nebennierenrinde erklärt werden kann.

• Übergewicht: Hierbei geht der Tagesbedarf an Energie aufgrund der Kastration um 30% zurück. Falsche bzw. veränderte Fütterungspraxis sowie Veränderung des Eiweissstoffwechsels führen hierbei auch zu Gelenks- und Stoffwechselerkrankungen des Hundes.

• Inkontinenz: Bei der Inkontinenz gibt es bereits vorbelastete Rassen, die diese Problematik bei Kastration besonders häufig zeigen. Dazu gehören der Riesenschnauzer bzw. -in, der/die Rottweiler/in und der Bernhardiner.
Bis zu zwei Drittel dieser Hündinnen bzw. auch Rüden haben ein Risiko an Inkotinenz zu erkranken.
Bei medikamentöser Therapie gegen die Inkontinenz ist zu beachten, das diese Medikamente (z.B.: Cenifedrin) das
Nor-adrenalinsystem aktivieren und somit die Aggressionsproblematik steigt!

Kastration/Sterilisation

Die Begriffe „Kastration“ und „Sterilisation“ sind für beide Geschlechter eindeutig definiert, nämlich bei der Kastration als die komplette Entfernung der Geschlechtsorgane und bei der Sterilisation als die Durchtrennung der Ableitung der (Samen-)Kanäle der Geschlechtsorgane!
Ziel der Kastration und Sterilisation ist die Fortpflanzungsunfähigkeit, was eine Fortpflanzungskontrolle zur Folge hat.

Pauschale Kastration bei Hunden aus dem Tierschutz? …Nein!
Bei Hunden aus dem Tierschutz kann und/oder sollte die pauschale Kastration bzw. die Sterilisation zur Populationskontrolle (WENN, dann sowieso nur die ranghohen Tiere) abgelehnt werden, da nur eine sexuell motivierte Aggression zu einer Verhaltensveränderung führt, wobei hier die eigene bevorzugte Hündin/der eigene bevorzugte Rüde aggressiv gegen Mitbewerber verteidigt wird!
Auslands- und Tierschutzhunde sind oft oder meistens Cortisol gesteuerte, also ängstliche und charakterlich schwache Hundetypen. Bei Kastration dieser Hunde sinkt das Selbstwertgefühl durch das Wegfallen des restlichen Testosterons und übrig bleibt ein noch verängstigter bzw. endgültig schwach abgestempelter Hund!

Meinung pro oder contra Kastration beim Rüden zum Thema Nebenhodenentzündung:
Contra: „Das Sperma kann nicht abgeleitet werden!“
Die anfallende Spermaflüssigkeit des Rüden wird im Hoden abgebaut bzw. resorbiert und somit abgeleitet. Die Sorge um nicht abgeleitetes Sperma welches zu einer Nebenhodenentzündung führt ist also nicht gegeben!

Pro und Contra zum Thema Prostataentzündung bzw. -vergrösserung:
Die Kastration als Grund für Prostatentzündung und Prostatavergrösserung ist abzulehenen, da es hierfür ein gutes Medikament (Ypozane) gibt, welches ausschliesslich an den Testosteronrezeptoren in der Prostata wirkt und somit einer Entzündung und Vergrösserung der Prostata entgegenwirkt!

Kastrationsempfehlung bei nicht abgestiegenen und einseitig abgestiegenen Hoden:
Beim nicht abgestiegenen Hoden besteht ein um das 13-fache erhöhtes Tumorrisiko gegenüber eines einseitig abgestiegenen Hodens (Grund: die Temperatur in der Bauchhöhle ist höher als bei normalen „freien“ Hoden).
Beim einseitig abgestiegenen Hoden dagegen wird im Idealfall der innenliegende Hoden entfernt (Senkung des Tumorrisikos) und der aussenliegende sterilisiert (wichtig! Die Testosteronproduktion bleibt intakt)!

Das Hormon Testosteron

Beim Sexualhormon des Rüden gehe ich ausschliesslich auf die für die Kastration relevanten Eigenschaften ein.

1. Eigenschaften
• an der Muskelbildung, explizit an Schulter, Genick und Hüfte beteiligt (breite Schultern, massives Genick, breite Hüfte).
• verantwortlich für die Knochenrobustheit (breiter Schädel)
• Testosteron ist ein Gegenspieler des Stresssystems des Cortisols, weshalb intakte Hunde unter Einfluss des Testosterons stabiler und selbstsicherer wirken und auch tatsächlich sind!
Auslandshunde und Hunde aus dem Tierschutz sind oft Cortisol gesteuert, wodurch sie durch Kastration ihren letzten Rest des Selbstvertrauens entzogen bekommen.

2. Vorgeburtliche Testosteronwirkungen
Etwa ab dem vierzigsten Trächtigungstag (zwei Drittel der Embryonalentwicklung) erfolgt ein erster Anstieg des Testosteronspiegels.

2.1. Markierverhalten:
Ab diesem Tag wird durch einen Auslösemechanismus im Gehirn das Markierverhalten ausgelegt und geprägt. Darunter fällt auch die „Anziehungskraft“ auf senkrechte Pfosten bei Rüden (Bäume, Strassenschilder, Hausmauern).
Es gibt auch Hündinnen die Beinchen heben (im 3-Beinstand urinieren), sogenannte Rüdinnen, die zwischen männlichen Wurfgeschwistern im Mutterleib gelegen haben.

2.2. Streifgebietsverhalten:
Streifgebiete sind Teile des Territoriums und befinden sich an den Grenzen derselben und sie sind jenes Gebiet an dem sich ein oder mehrere Individuen zu 95% aufhalten. Streifgebiete werden im Gegensatz zum Kernterritorium nicht verteidigt!
Unter das Streifgebietsverhalten fällt das Patroullierverhalten und die (regelmässige) Kontrolle der Grenzen des Streifgebiets.

Zum Thema Streifgebiet und Streunen:
Es muss hier unterschieden werden wenn ein Hund z.B. regelmässig aus dem Garten abhaut, ob er dies aus sexuellen Gründen tut (läufige Hündin) oder aus nicht-sexueller Motivation (eben Streunen).
Eine Kastration bringt in diesem Fall also nur dann Erfolg, wenn der Hund aus rein sexuell motivierten Gründen aus dem Garten davonläuft!

3. Testosteron und Aggressionsverhalten
Testosterongesteuerter Einfluss auf Aggression findet nur bei direkter und unmittelbarer sexueller Konkurrenz statt (läufige Hündin in der Nähe). Nicht jede Eifersuchtsreaktion ist sexuell motiviert, da es sich oft einfach nur um eine soziale und nicht sexuelle Angelegenheit handelt (Beispiel Rüde verteidigt Halterin).
Bei dieser Problematik bringt die Kastration keinen Erfolg!

3.1. Ressourcenaggression/Futteraggression:
60% aller Hündinnen die kastriert worden sind entwickeln eine hochgradige Futter- bzw. Ressourcenaggression.
Übrigens ist der häufigste Grund für Auseinandersetzungen bei Hunden in einer Gruppe nicht die sexuelle Konkurrenz, sondern es sind Ressourcenstreitigkeiten um z.B. Schlaf- oder Liegeplatz, Spielzeug oder Futter!
Die Fähigkeit zur Geselligkeit mit anderen Hunden bzw. die Integration in eine Hundegruppe fällt bei kastrierten Rüden geringer aus als bei nicht kastrierten Artgenossen.

Die chemische Kastration

I. Methoden der chemischen Kastration
Die Spritze:
Die Wirkung der Hormonspritze ist oft anders als bei der tatsächlichen chirurgischen Kastration. Es kann sein dass der Hund nach der Spritze ängstlicher und generell aggressiver wird.
Das liegt zum Einen an den sogenannten Antiandrogenen, welche die Testosteronbindungsstellen bzw. -rezeptoren belegen und somit blockieren. Diese Antiandrogene blockieren aber nicht nur die Bindungsstellen für das Testosteron, sondern auch die Bindungsstellen die im Gehirn für Angst und Stress verantwortlich sind!
Zum Anderen liegt das an den sogenannten Pseudo-Östrogenen, die weibliches Verhalten verstärken und ihren Ursprung übrigens im Hopfen haben, welcher Östrogen als chemischen Abwehrstoff gegen Schädlinge nutzt!

Das Implantat:
Das Implantat hat einen Wirkbereich von etwa 5-50 Kilogramm und stellt die momentan einzige Alternative zum Testen einer realen Kastration dar!
Aufpassen sollte man bei dem Wirkmechanismus des Implantats:
In den ersten sechs Wochen erfolgt kurzfristig ein sehr hoher Testosteronausstoß, das heißt die Testosteronproduktion wird angeregt, weshalb in dieser Phase die eher gegenteilige Wirkung – entgegen der Erwartung eintritt.
Erst nach der Zeit von 6 Wochen produzieren die Hoden kein Testosteron mehr und selbst dann nur für
4 Monate nicht.
In diesen vier Monaten lässt sich dann beurteilen bzw. eine Prognose stellen wie der Hund nach der echten Kastration
im Verhalten verändert wird!
Die Nebenwirkungen des Chips sind im Übrigen die gleichen wie bei der echten Kastration (Schilddrüsenunterfunktion, Fellveränderungen, Gewichtszunahme …).
Optisch lässt sich die Anfangs- und Endwirkung des Implantats am Hodenwachstum erkennen, das heißt nach dem Ende der Wirkung wird des Chips erreichen die Hoden wieder ihre normale Größe.
Bei sehr großen und schweren Hunderassen können auch zwei Chips pro Hund gesetzt werden!

Kastrationschip bei der Hündin:
Für das Implantat bei der Hündin gibt es aufgrund von zwei bedeutenden Nachteilen noch keine Zulassung:
a) kommt es nach dem Chippen zu einem sofortigen Östrogenanstieg und infolge dessen zu einer indizierten Läufigkeit, und
b) kommt es bei abflauen der Wirkung des Chips zu erheblichen Schwankungen der Sexualhormone der Hündin, was
zu Gebärmutterveränderungen führt.

Der richtige Zeitpunkt der Kastration
Bei kastrierten Rüden kann es vorkommen, das diese nach der Kastration sehr oft und vor allem sehr massiv von anderen Rüden sexuell belästigt werden.
Eine Studie hat sich mit der jahreszeitlichen Abhängigkeit von sexueller Belästigung aufgrund veränderter Duftzusammensetzung beschäftigt und ist eindeutig zu dem Ergebnis gekommen, dass in der Zeit zwischen März bis Juni das Risiko für eine sexuelle Belästigung des kastrierten Rüden am höchsten ist!
Wenn also nicht dringend aus medizinischen Gründen nötig, dann sollte eine Kastration frühestens mit eineinhalb bis zwei Jahren und im Zeitraum von Oktober bis Februar erfolgen.

Ursachen für die Kastration der Hündin

I. Mammatumore (Gesäugetumor)
II. Gebärmutterveränderungen

I. Gesäugetumore:
Statistisch als auch praktisch gesehen treten weniger Fälle von Gesäugetumorbildung durch die Kastration auf als ohne Kastration.
Risikofaktoren für die Entstehung von Gesäugetumoren bei der Hündin können sein:
• eine Fehlernährung im ersten Lebensjahr (falscher Stoffwechsel durch zu viel Eiweiss bzw. zu eiweissreicher Ernährung)
• daraus resultierendes Übergewicht
• das Wegspritzen der Läufigkeit, wie es zum Beispiel vor Ausstellungen gehandhabt wird.

Das Wegspritzen der Läufigkeit ist und bleibt der Risikofaktor Nummer Eins und kann sogar bei einmaliger Durchführung zur Tumorbildung führen!

II. Gebärmutterveränderungen:
Zur Vorbeugung der Veränderung der Gebärmutter bei der Hündin wird diese nicht nur kastriert, sondern es wird auch ein Teil der Gebärmutter chirurgisch mit entfernt.
Hierbei treten Veränderungen im Stoffwechsel sowie im Verhalten der Hündin auf, weshalb die Nachsorge, sei es Ernährungstechnisch oder Verhaltenstherapeutisch nicht zu vernachlässigen ist!

Die Hemikastration (Technik der Halbkastration)
Bei der Hemikastration der Hündin wird ein Eierstock entfernt und der andere intakt gelassen.
Vorteile:
• die Hündin hat noch einen hormonellen Zyklus und
• der Vorteil der Sexualhormone bleibt erhalten (Stressreduktion, keine Hormonschwankungen).

Zyklusphasen der Hündin

1. Phase (Proöstrus, Vor-Läufigkeit):
Dauer: 3-4 Wochen
Die Proöstrus Phase charakterisiert sich durch einen Anstieg des Östrogenspiegels. Mit dem Ansteigen des Östrogenspiegels ändert sich auch das Verhalten der Hündin. Die Paarbindung zum favorisierten Rüden wird neu bestätigt durch:
• Synchronisation des Verhaltens des favorisierten Rüden (Ruhe und Aktivitätsphasen sind gleich, Parallellaufen, Nachfolgen)
• Aktivierung des Rüden (anstupsen, aufforderndes Verhalten)
• Zeitgleiches Markieren
• Qualitäten des Gegenübers werden überprüft
Der Nachteil liegt darin, dass die Hündin gegenüber anderen Rüden und Hündinnen aggressiv wird (östrogenbedingte Aggression).

2.Phase (Östrus, echte Läufigkeit):
In dieser Phase erfolgt ein massiver Anstieg des Schwangerschaftshormon Progesteron und ein gleichzeitiger
Abfall des Östrogenspiegels. ->es kommt zum Eisprung, die Hündin ist Paarungsbereit bzw. das Ei wird befruchtet.
Der Höhepunkt der zweiten Phase wird als sogenannte Standhitze bezeichnet, in der die Hündin den Rüden aktzeptiert.
Zusammenhang mit Aggression und Depression: Ausschlaggebend ist das Mischungsverhältniss zwischen Progesteron und Östrogen.
Hündinnen mit einem erhöhten Östrogenspiegel sind dabei deutlich aggressiver,
Hündinnen mit einem erhöhten Progesteronspiegel dagegen deutlich depressiver!
Die Blutung der Hündin tritt immer vor dem Östrus auf und stellt keinen Grund für eine Kastration dar!

3.Phase (echte Scheinschwangerschaft, Progesteronphase):
Dauer: 60 bis 63 Tage
In der Scheinschwangerschaft ist die Hündin vom Schwangerschaftshormon Progesteron gesteuert.
Dabei bleibt der Progesteronwert solange erhöht, solange eine echte Schwangerschaft andauern würde!
In dieser Phase erfolgt die Vorbereitung auf die Babysitterrolle und die Hündin wird im Verhalten allgemein ruhiger und häuslicher, zeigt mehr positives Sozialverhalten und Körperpflege.
Nachtei: infolge der hormonellen Veränderung kommt es zu einer Gewichtszunahme.

4.Phase (Scheinmutterschaft, Prolaktinphase):
In der Prolaktinohase schwillt das Gesäuge der Hündin an, die Milchproduktion wird angeregt, elterliches bzw. mütterliches Verhalten wird gestartet und die Verteidigungsbereitschaft gegenüber der Familie steigt.
Diese Phase zeigen übrigens auch kastrierte Rüden deren Halterin schwanger ist, oder Hunde die plötzlich potenzielle Jungtiere adoptieren (das können Küken, Katzenbabys, Jungtiere, Hasenbabys … sein) und diese aggressiv verteidigen!

5.Phase (Anöstrus):
Der Anöstrus beginnt etwa 90 Tage nach der Standhitze bzw. nach den Stehtagen. Dies ist die Phase des hormonellen Tiefstands und der einzig beste und richtige Zeitpunkt für eine Kastration einer Hündin!
Bei einer Kastration ausserhalb dieser Phase kann es durch die permanente Erwartungshaltung des Körpers auf die Produktion der Sexualhormone zu
• emotionaler Instabilität
• allgemeiner Stressanfälligkeit
• Angstzuständen und zu
• erhöhter Aggressivität kommen.
Eine intakte Hündin hat dabei einen fünffach höheren Östrogenwert im Anöstrus als eine vergleichbare kastrierte Hündin.

Bei Verhaltensveränderungen/-problemen ist es ratsam einen Läufigkeitskalender (Tagebuch) zu führen, in welchem festgehalten wird wann, wie stark und in welcher Phase des Zyklus die jeweilige Verhaltensänderung auftritt.
Übrigens werden etwa 60% aller Rüden und etwa 40% aller Hündinnen niemals im Leben sexuell aktiv.
Für eine Rüden steht eine stabile, überwiegend sozial motivierte und absolute Paarbindung im Vordergrund!

Aggressionsaspekte gegen Kastration

I. Testosteron-gesteuerte Hündin:
Bei der sogenannten „Rüdin“ tritt – wie wir zu Beginn schon festgestellt haben – ein Markieren im Dreibein Stand auf bzw. hat dieser Typus Hündin über den Nabelschnurkreislauf im Mutterleib pseudo-männliche Verhaltensweisen übernommen da sie zwischen männlichen Wurfgeschwistern gelegen hat.
Solche Hündinnen sind Aggressionsbereiter und haben neben dem veränderten Markierverhalten ein verstärktes
Aktivitätsbedürfniss (Thema ADHS-anfälligkeit).
Wenn nun diese Hündin kastriert wird, fällt das Sexualhormon, das Östrogen weg, es bleibt das Testosteron aus dem sekundären Produktionskreislauf der Nebennierenrinde und es kommt infolge des Testosteronüberschusses erstens zu einer Verschlimmerung der Aggressionsproblematik und zweitens zu einer erhöhten Stressanfälligkeit, da die Nebennierenrinde dem Regelkreis der Stresshormone und nicht der Sexualhormone unterstellt ist!
Wenn also medizinisch nicht unbedingt nötig, sollte dieser Typus Hündin intakt gelassen und nicht kastriert werden!

II. Cortisol-abhängiges Verhalten:
Bei der gesamten Cortisol-Thematik bzw. alle Cortisol gesteuerten Hunde sollten generell nicht kastriert werden!
Zu den Cortisol abhängigen Verhaltensweisen zählen:
• das gesamte Angst und Furchtverhalten (Angstaggression)
• die passive Selbstverteidigungs-Aggression (defensive Aggression) und die
• Futter- bzw. Ressourchenaggression (60% ige Steigerung bei einer kastrierten Hündin)

III. Jagdverhalten:
Jagdlich motivierte Hunde werden durch die Kastration – übrigens im Gegensatz zu Katzen – nicht besser.
Es kann/muss hier unterschieden werden, ob es sich um einen echten Jäger oder ob es sich um einen Hund handelt der mangels fehlender Aufgaben – also eine Ersatzhandlung zu echten Jagdverhalten – zeigt!
Auch dieser Typus Hund zeigt bei einer Kastration keine Besserung, im Gegenteil sogar eine Verschlimmerung des jagdlichen Verhaltens!

IV. Markierverhalten:
Beim Markierverhalten ist nur ein geringer Teil – unter einer einzigen Ausnahme, nämlich des echten Darübermarkierens – durch Kastration beeinflussbar! Markieren zeigt sich hier in der Markierhäufigkeit und -intensität und ist nicht abhängig von sexueller Aktivität.

V. Affektaggression:
Bei der Affektaggression (ehemals Dominanzaggression) besteht kein Zusammenhang zwischen sexuellem und sozialem Status, weshalb eine Kastration auch hier nicht zum gewünschten Erfolg führt, sondern die Problematik noch verschlimmert!
Ursachen bei der Affektaggression sind hier vielmehr in mangelnder Affektkontrolle, mangelnder Selbstbeherrschung und einem niedrigen Serotoninspiegel (Dominanzaggression) zu suchen.

VI. Eifersuchtsreaktionen:
Betreffende Hunde dieser Problematik verteidigen hierbei ihre Halter/in. Da die Eifersuchtsreaktion jedoch nicht sexuell motiviert sonder einen sozialmotivierten Hintergrund hat, wird sich auch dieses Verhalten bei Kastration nicht ändern, sondern im Einzelfall sogar noch verschlimmern!

Überblick: Aggression als Ursache für Kastration?

Bei Ressourcen- und/oder Futteraggression bringt die Kastration keinen Erfolg.
Bei defensiver Verteidigung bzw. Angstaggression sowie angst-aggressiven Hunden bringt die Kastration keinen Erfolg.
Bei der Jungtierverteidigung unter dem Einfluss des Hormons Prolaktin bringt eine Kastration keinen Erfolg bzw. verschlimmert den Aggressionszustand in Art und Heftigkeit (Wechselwirkung mit Testosteron).
Bei der echten Statusaggression kann eine Kastration erfolgreich sein, sollte jedoch im Einzelfall analysiert werden.
Bei der Dominanz- bzw. Affektaggression im Zuge der Problematik der Affektkontrolle bringt eine Kastration keinen Erfolg.
Bei Aggression Rüde gegen Rüde kann eine Kastration sinnvoll sein, es sollte jedoch vorerst als Alternative ein Implantat/Hormonchip gesetzt werden, um die Problematik im Wirkbereich des Chips im Einzelfall analysieren zu können und zu sehen ob sich die Problematik verbessert.
Bei Aggression Hündin gegen Hündin spielt die jeweilige Zyklusphase eine entscheidende Rolle. Tritt die Verhaltensänderung rund um die Läufigkeit auf, verbessert sich der Zustand der Aggression durch die Kastration. Tritt die Verhaltensveränderung dagegen ganzjährig auf, bringt eine Kastration nicht den gewünschten Erfolg!
Bei der Aggression Hund gegen Mensch bringt eine Kastration bei Angst, Stress und Unsicherheit des Hundes (z.B.: Beissen aus Übersprungsverhalten) keinen Erfolg (Cortisol gesteuerte Hunde).
Bei Aggression durch Eifersucht bringt eine Kastration keinen Erfolg, und zwar unabhängig davon ob ein Zweibeiner oder ein bevorzugter Vierbeiner aggressiv verteidigt wird (nicht sexuell, sondern sozial motiviert).
Bei Jagdverhalten bringt eine Kastration keinen Erfolg.
Bei echtem Sexualverhalten bzw. sexuell motivierter Aggression wird eine Kastration Erfolg bringen, jedoch sollte wie bei der echten Statusaggression eine vorherige Analyse im Einzelfall erfolgen.

Zum Abschluss …
Abschliessend kann gesagt werden, dass mit Ausnahme der Frage der Pubertät und mit Ausnahme der Frage der Frühkastration, es keine Pauschalaussagen gibt bzw. geben darf und es beim Thema Kastration immer eine individuelle Abwägung bzw. eine individuelle Einzelentscheidung bleibt den Hund kastrieren zu lassen oder nicht.
Was aber auf alle Fälle und meiner Meinung nach unbedingt dazu gehört, ist eine kompetente Aufklärung zum Thema Kastration, gepaart mit der individuellen Einzelfallanalyse eines jeden Hundes, denn nur so kann langanhaltend und vor allem nachhaltig erstens das gesundheitliche Wohlbefinden und zweitens die Stabilisierung im Verhalten des Hundes gesichert und auch erreicht werden!

Wir müssen lernen, Herausforderungen im Leben wieder anzugehen und nicht umgehen.
Es kann nicht sein, dass wir es uns derart leicht machen und unsere Hunde mit Keks und Leberwurst durch die Pubertät stopfen, ihnen jeglichen Eigenwillen in der Hundeschule austreiben lassen und sie zu Maschinen auszubilden, nur um am Ende sagen zu können (oder sagen zu lassen) „der macht was er will – durch die Kastration wird er eh ruhiger“.
Würde ich persönlich mit meinem eigenen Hund und mit meinem aktuellen Wissensstand noch einmal vor die Wahl der Kastration gestellt, gäbe es heute ein klares Nein zur Kastration als Antwort!
 

Bernhard Albin

Über den Autor

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Bernhard Albin
http://realizedogs.at
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